Aktuelle Forschung

Das neue Coronavirus hat uns alle getroffen wie noch selten ein Ereignis in den letzten Dekaden. Der gewohnte Alltag wurde durcheinandergewirbelt, für manche mit drastischen Konsequenzen. Das kulturelle Leben ist in weiten Teilen weggebrochen, in anderen Teilen entwickelt es sich aber enorm schnell weiter. 

Unser Forschungsprojekt hat bereits im Frühsommer 2020 auf diese Situation reagiert und Kulturschaffende wie Kulturpublikum zu den Auswirkungen der Pandemie und daraus resultierenden Veränderungen online befragt, – mit spezifischem Blick auf kulturelles Leben in Stadt und Land.

Bald folgten weitere Umfragen innerhalb des neu entstandenen Forschungsdesiderates und weitere methodische Herangehensweisen wurden mit in die Arbeit aufgenommen. Einen kurzen Überblick darüber gibt folgender Screencast:

Screencast „Wie reagieren Akteure kultureller Bildung in ländlichen Räumen auf den Kulturentzug?“

Der Screencast wurde 10.03.2021 auf der BMBF-Bildungsforschungstagung „Bildungswelten der Zukunft“ vorgestellt und diskutiert.

1. Kulturentzug während der Pandemie

In zwei separaten Befragungen zur Veränderung des künstlerischen, psychosozialen und ökonomischen Daseins von Kulturschaffenden und Kulturbegeisterten während der beiden Lockdowns, haben jeweils über 800 Personen teilgenommen. 

Für die Kulturschaffenden fallen durch die pandemiebedingten Einschränkungen durchschnittlich 1,5 Veranstaltungen pro Woche weg, für die Rezipient*innen fällt die Teilnahme an einer Veranstaltung alle zwei Wochen im Durchschnitt weg. Im Winter 2020/21 lag dann die Punktprävalenz von Major Depression bei knapp 23%, die einer Angststörung bei knapp 17%, was sehr hohe Werte bedeutet. 

Von der ersten zur zweiten Kulturentzugsbefragung stieg der Anteil von definitiv bis extrem unter dem Kulturentzug Leidenden von einem knappen Viertel auf über ein Drittel. Kulturschaffende geraten ökonomisch, wie zu erwarten, unter immer stärkeren Druck, bis hin zum Erwägen eines Berufswechsels. 

Aus der zweiten Befragung lässt sich ableiten, dass Einkommensverluste für die Motivation zu einem Berufswechsel eine größere Rolle spielen als die gesundheitlichen Aspekte bei kulturellen Veranstaltungen. Dabei zeigen sich keine regionalen Unterschiede bezüglich der Berufsfluktuation: „digital ersetzt rural“. Über die Ergebnisse psychischer und ökonomischer Konsequenzen bereiten wir zwei Shortreports vor. 

Detaillierte Ergebnisse zu Auswirkungen des ersten Lockdowns auf Kulturschaffende und Kulturbegeisterte können in unserer Publikation “Kulturentzug während des COVID-19-Lockdown…“ nachgelesen werden.

https://psycnet.apa.org/record/2021-31006-001

2. Kultur und Corona – Grundbedürfnis der Verbundenheit

An einer weiteren Online-Befragung im Frühsommer 2020 zum Thema kulturelle Teilhabe während der Pandemie haben knapp 400 Personen teilgenommen. Ergebnis: Die Teilhabe an digitalen Angeboten führt zu mehr Optimismus, wenn das Grundbedürfnis der Verbundenheit auch im Digitalen erfüllt wird. Möglicherweise fühlen sich Menschen durch die Teilnahme an digitalen Angeboten trotz der Kontaktbeschränkungen durchaus mit anderen Menschen verbunden. Das stärkt ihren Optimismus. 

3. Proben und Musikunterricht im digitalen Raum

Seit dem ersten Lockdown werden notgedrungen auch kulturelle Bildungsangebote digital durchgeführt. Wir haben in einer online Befragung 250 Student*innen und Chorsänger*innen zur Unterrichtsqualität digitaler Angebote befragt. (5.2)Interessanterweise gibt es einen Zusammenhang zwischen dem musikalischen Kompetenzniveau der Befragten und ihrer Bereitschaft zur Teilnahme an digitalen Musikstunden. Weiterhin soll die Entsprechung von bisherigen Vorstellungen zur Unterrichtsqualität im Analogen nun bei digitalen Formen geprüft werden. 

4. Grounded Theory

Im Rahmen einer teilnehmenden Beobachtung richten wir einen besonderen Blick auf Chöre. Sänger*innen und Dirigent*innen haben in vielfältiger Weise auf die neue Situation reagiert, um den Spagat zwischen Aufrechterhaltung musikalischer Aktivität einerseits und der Fortführung des sozialen Chorlebens andererseits zu bewältigen. 

In leitfadengestützten Expertenbefragungen mit Personen aus unterschiedlichen kulturellen Sparten werden subjektive Perspektiven auf die schwierige Situation während der Pandemie deutlich und innovative Handlungsansätze exemplifiziert. 

5. Kultur ins Netz

Die sich verändernde Kulturlandschaft wird darüber hinaus von uns sowohl qualitativ als auch quantitativ analysiert. Viele Veranstaltungen finden digital statt, so wird z.B. ein Theaterstück als interaktives Wohnzimmer-Spiel mit Smartphone erlebbar.

6. Ausblick Vertiefungsstudien

Weiterhin gilt unser Interesse der ästhetischen Erfahrung während der Betrachtung von Kunstwerken unter den neuartigen Bedingungen. Diese wird anhand ihres physiologischen Korrelates (wie Herzrate und Hautleitfähigkeit) oder Blickbewegungen gemessen und auf Einflussfaktoren (wie soziale Situation, Medium, Regionalität o.ä.) untersucht. Eine empirische Studie befindet sich in der Entwicklung und soll im Sommer 2020 durchgeführt werden.

In einer zweiten Vertiefungsstudie fällt der Blick auf Chormusik. Es werden persönliche Reaktionen und musikalische bzw. soziale Interaktionen während einer Chorprobe untersucht. Dabei betrachten wir die drei Personengruppen Sänger*innen, Dirigent*in und Publikum, die mittels Eye-Tracking und Amulatory Assessment empirisch erfasst werden. Ziel der Pilotstudie ist es, sowohl Strukturen zu finden, die einen signifikanten Einfluss auf die Probenarbeit und das daraus resultierende musikalische Ergebnis haben, als auch prädeterminierende Faktoren bezüglich der musikalischen Auffassungsgabe zu bestimmen, die aufgrund der individuellen Sozialisation im ruralen oder urbanen Raum vorherrschen.

Screencast 2020/08

Im Frühjahr 2020 musste unsere Studie angepasst werden. Die Umstrukturierung wird in folgendem Screencast veranschaulicht:

Regensburg 2020/04